Siena
Hinweis: Nadeln, Gift, misshandelnder Vater, Erpressung, Sarg
Eine Königin saß am offenen Fenster, während sie nähte, und lehnte sich an den Ebenholzrahmen. Draußen spielten Kinder im Schnee, und sie lachte über ihre Späße. Dabei ließ sie die Nadel fallen, und der Faden bildete ein Herz im Schnee. Und sie dachte: „Wenn ich doch nur eine Tochter hätte, mit einer Seele so rein wie Schnee, einer Haut so dunkel wie meine eigene und einem Herzen, das die Welt verändern könnte.“ Als ihr Kind geboren wurde, war es so rein wie alle Kinder und hatte eine Haut wie Ebenholz, die wie eine schwarze Perle schimmerte. Nur die Zeit würde zeigen, ob ihr Herz etwas verändern würde. Sie wurde von allen geliebt und geschätzt, und ihre Eltern nannten sie Siena. Nicht lange danach bekam Siena erst einen und dann noch einen weiteren kleinen Bruder.
Der König des südlichen Nachbarlandes wünschte sich schon lange ein Bündnis zwischen den beiden Königreichen. Er hatte eine Tochter, die er mit einem der Prinzen verheiraten wollte, aber er wusste, dass deren Eltern dies nicht zulassen würden. Sie hatten schon alle früheren Bitten um ein Bündnis abgelehnt.
In den folgenden Jahren schmiedete der König aus dem Süden einen Plan. An Sienas neunzehntem Geburtstag besuchte er sie mit einem Korb voller Früchte, um sie zu beschenken. Ihre Eltern wollten ihn wegschicken. Er bat Siena um die Güte, einem alten Mann zu erlauben, ihr wenigstens einen Apfel vom Lieblingsbaum seiner verstorbenen Königin zu schenken, um ihr seinen Respekt zu zeigen. Siena, die mitfühlend war und so viel Liebe erfahren hatte, nahm das Geschenk an und biss in den Apfel, nur um dann zu Boden zu fallen – vergiftet, als wäre sie tot. Ihre Eltern waren verzwiefelt. Der König aus dem Süden erklärte, er habe ein Gegenmittel, das er Siena geben würde: wenn einer ihrer Brüder verspräche, seine Tochter zu heiraten. Die Brüder wollten unbedingt einwilligen, da sie ihre Schwester sehr liebten. Aber sie waren noch nicht erwachsen, und ihre Eltern verboten es, da sie wieder einmal gesehen hatten, was für ein gemeiner und herzloser Mensch ihr Nachbar war. Der König aus dem Süden gab ihnen eine Woche Zeit, um sich zu entscheiden, da es nach dieser Zeit für die Wirkung des Gegenmittels zu spät sein würde.

Der König und die Königin schickten um Hilfe und fragten in anderen Königreichen, ob jemand ein Heilmittel hätte. Siena wurde in einen gläsernen Sarg gelegt, in dem ihre Familie sie zwar noch sehen konnte, sie aber vor weiterem Schaden bewahrt wurde, sofern dies überhaupt möglich war. Da jeder weiß, dass der Kuss der wahren Liebe viele Übel überwinden kann, kamen Prinzen aus den Nachbarländern und küssten Siena, auch wenn ihnen nicht versprochen wurde, dass sie sie als Braut oder das halbe Königreich als Belohnung gewinnen würden, wie es in solchen Fällen üblich war. Sienas Eltern wollten nicht ihr Leben retten, um es gleich wieder zu verschenken. Sie fühlten sich schon schlecht genug dabei, Fremde ihre Tochter küssen zu lassen, aber sie wussten nicht, was sie sonst tun sollten. Da Siena sehr beliebt war, waren die Prinzen zahlreich, aber keiner von ihnen konnte sie aus ihrem vergifteten Schlaf erwecken.
Am siebten Tag kam der König aus dem Süden wieder und brachte seine Tochter mit, denn er war sicher, dass es eine Verlobung zu feiern geben würde. Doch obwohl die Söhne ihre Eltern angefleht hatten, erlaubten sie keinem von ihnen, die fremde Prinzessin zu heiraten. Bei einem so grausamen Vater fürchteten sie um das Glück ihrer Söhne, und so sehr sie Siena liebten, wollten sie doch nicht ein Kind gegen ein anderes eintauschen. Außerdem wollten sie ihr Volk nicht dem Einfluss ihres selbstsüchtigen Nachbarn aussetzen. Während der König, der zu Besuch war, sich brüstete und die trauernden Eltern verhöhnte, sah seine Tochter erst den König und die Königin an, dann die jungen Prinzen, von denen einer ihr Ehemann werden sollte, und war gerührt von deren Liebe zu Siena. Eine solche Liebe hatte sie von ihrem Vater nie erfahren.
Dann betrachtete sie den aufrecht stehenden gläsernen Sarg und Siena. Deren Augen waren geschlossen, und die Prinzessin fragte sich, ob sie tiefschwarz wie die ihres Vaters oder von leuchtendem Bernstein wie die ihrer Mutter sein würden. Die Wimpern waren auf der glatten dunklen Haut kaum zu sehen. Sie wollte, dass die kecke Nase atmete, dass die weichen Lippen sich öffneten und nach Luft schnappten, dass der Brustkorb sich hob und senkte – aber nichts geschah. Ihr Herz zog sich zusammen und weitete sich zugleich. Unbemerkt von der Menge ging sie auf den Sarg zu und berührte wie in einem Traum den Deckel. Das Glas schien unter ihren Fingern zu summen, und aus einem Impuls heraus hob sie den Deckel an. Als die gläserne Barriere entfernt war, wünschte sie sich nichts sehnlicher, als diese Lippen zu küssen, die aussahen, als würden sie gerne lachen. Da sie es für falsch hielt, sich solche Freiheiten mit einer hilflosen Frau zu erlauben, egal wie hübsch sie war, hauchte sie Siena stattdessen ganz sanft einen Kuss zu.
Als der Kuss Siena erreichte, begann sie sich zu regen, hustete einmal, um das Apfelstückchen aus ihrem Hals zu bekommen, und fiel in die wartende Umarmung der fremden Prinzessin.
Nun bemerkten auch die anderen, was geschehen war. Der König aus dem Süden erstarrte vor Schreck und rührte sich nie wieder. Seine Statue wird in einem Kerker aufbewahrt, nur für den Fall, dass er sich jemals wieder erholt. So war er auch nicht zugegen, als die Verlobung zwischen Siena und seiner Tochter gefeiert wurde, die gemeinsam das südliche Königreich in Frieden und Freundlichkeit regieren wollten. Nach einiger Zeit heirateten sie zur Freude beider Königreiche und könnten nicht glücklicher sein. Vielleicht hat Sienas Herz die Welt nicht verändert. Aber es veränderte die Welt einer Frau, und wer weiß, was dann noch alles passieren könnte?
