Medusa
Hinweis: Schlangen, Mansplaining, Versteinerung
Es war einmal eine reizende junge Dame namens Medusa. Damals hätte man sie nicht als reizende junge Dame bezeichnet, aber dort wo sie lebte wurde auch nicht Deutsch gesprochen, also lassen wir das mal so stehen.
Viele Burschen versuchten, einen Blick aus ihren bernsteinfarbenen Augen zu erhaschen, und vielleicht auch einige Mädchen, aber Medusa war nicht an Romantik interessiert. Sie liebte ihren Garten, ihren Frieden und ihre Forschung. Sie liebte es, Probleme zu lösen:
Wenn es regnete, verrutschten zum Beispiel die Pflastersteine, die zu ihrer Hütte führten, manchmal im Schlamm und machten den Weg damit holprig. Also arbeitete und las sie, bis sie es schaffte, ein Pulver aus Ton, Kreide, gemahlenem Stein und anderen Dingen herzustellen. Das ergab mit Wasser eine Paste, die aushärtete und die Steine an ihrem Platz hielt.
Diese Dinge waren nicht geheim oder magisch, sondern funktionierten einfach. Medusa hatte vor, das Rezept mit dem Rest des Dorfes zu teilen, sobald es erprobt und verfeinert war.
Eines schönen Tages arbeitete Medusa in ihrem Vorgarten und grub ein flaches Loch, in das sie die Paste gießen wollte. In dem Moment hatte sie nur das trockene Pulver in einem Eimer, bereit, angemischt zu werden. Ein Junge, der vorbeikam, nutzte ihre Arbeit als Vorwand, um ihr zuzusehen, oder, na ja, sie ganz offen zu anzustarren.
Er versuchte, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, indem er ihr Ratschläge gab, wie sie am besten vorgehen sollte, auch wenn er den Plan nicht kannte, oder wie sie die Mischung, die er noch nie gesehen hatte, verbessern könnte – alles, um ihr zu zeigen, wie klug er war. Zunächst versuchte Medusa, die Rufe und Kommentare zu ignorieren, aber bald begann sie jedes Mal, wenn der Junge etwas sagte, um zu „helfen“, beim Ausatmen leise zu zischen.
Seltsamerweise lockte jedes Zischen eine Schlange an. Die Schlangen ringelten sich um Medusa und versuchten, sie zu trösten, indem sie sich an ihren Kopf schmiegten, um die Geräusche, die sie so aufregten, zu dämpfen. Bald war Medusas Kopf mit Schlangen bedeckt, und keine einzige ihrer dunklen Locken war mehr zu sehen.
Der Junge fügte nun auch noch Ratschläge hinzu, wie sie die Schlangen loswerden könnte.
Er war so sehr damit beschäftigt, Medusa zu beeindrucken, dass er den einsetzenden Regen nicht bemerkte, bis er mehr als nur ein wenig nass war. Medusa hatte ihn bemerkt und hielt ihren Eimer vor Nässe geschützt. In der Annahme, sie sei eine Dame in Not, die sich zu erkälten drohte, eilte ihr der Bursche ungefragt zu Hilfe. Er dachte, sie würde so schnell wie möglich ins Haus gehen wollen, und griff nach dem Eimer, um ihn für sie zu tragen, denn er war gewiss zu schwer für sie.
Kaum dass der Junge die Hand ausstreckte, schnellten die Schlangen auf ihn zu, um ihn fernzuhalten.
Er zuckte zurück, die Hand schon am Henkel, und entriss Medusa den Eimer. Im selben Ruck hob er den Arm vor sein Gesicht, um sich vor den Schlangen zu schützen, und verschüttete dabei das Pulver über sich selbst.
Medusa sah fassungslos zu, wie das Pulver die Nässe von seiner warmen Haut und der grob gewebten Kleidung aufnahm und die so entstandene Mischung schnell hart wurde. Während der Bursche noch den Arm erhoben hatte, erstarrte er unter der Paste als sei er selbst aus Stein.
Ein Witwer, der alles von seinem Fenster aus beobachtet hatte, erzählte die Geschichte später kopfschüttelnd. „Hätte sie sich doch einfach von ihm helfen lassen, alles wäre gut gewesen“.
Und alle stimmten zu.
Und so ist es bis heute geblieben: die Männer machen die Fehler und die Frauen bekommen die Schuld.