Carole

Hinweis: körperliche Auseinandersetzung

Manche Tage waren verflucht, davon war Carol fest überzeugt. Heute war so ein Tag.

Ihr Chef hatte sie angeschrien, ihre Familie trieb sie mit Last-Minute-Aufgaben, die eigentlich schon gestern hätten erledigt sein sollen, zur Verzweiflung, jemand hatte ihr wieder das Mittagessen aus der Büroküche geklaut, und nun, da sie es endlich zum Supermarkt geschafft hatte, schnappte ihr jemand den Parkplatz weg und grinste sie selbstgefällig an, als er aus seinem Auto stieg. Und wie immer zählte Carol bis fünf, atmete tief durch und versuchte, die Situation zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen. In diesem Fall bedeutete das, so lange im Kreis zu fahren, bis sie sicher war, dass keine anderen Parkplätze mehr frei waren, und dann die Straße hinunter zum Rathaus zu fahren, um dort zu parken.

Der Supermarkt war brechend voll, als sie ankam. Sie schnappte sich so viel von ihrer Einkaufsliste, wie sie tragen konnte, und schleppte es zu ihrem Auto, wobei sie schon die Beschwerden ihrer Familie im Ohr hatte. Sie schleppte die Tüten zurück zum Rathaus und fluchte, als ein Henkel riss. Als sie ihr Auto aufschloss, bemerkte sie einigen Aufruhr am Eingang des Rathauses, wo Journalisten und Beamte aus den hohen Flügeltüren strömten.

Neugierig lehnte sie sich an ihr Auto und beobachtete das Geschehen.

Der Bürgermeister kam heraus, verschwitzt und blass, und unter den Menschen, die sich am Rand des Platzes versammelt hatten, erhob sich etwas, das man am besten als gedämpftes Gemurmel beschreiben konnte. Als wollten alle schreien und gleichzeitig versuchen, nicht gehört zu werden. Sie konnte Dinge wie „Er kommt“ oder „Das kann doch nicht wahr sein!“ heraushören.

Carol holte ihr Handy heraus, um in den sozialen Medien herauszufinden, worum es bei dem ganzen Trubel ging. Natürlich hätte sie auch die Nachrichten checken können, aber die waren oft langsamer. Das hatte wahrscheinlich etwas mit der Überprüfung von Quellen, Fakten und der Rechtschreibung zu tun. Carol blickte vom Bildschirm auf, als die Erde bebte.

Nicht einmal 3D-Filme mit der besten CGI-Technik hätten diesen Anblick wiedergeben können. Die Schatten, die jede Person, jeder Baum und jede Straßenlaterne warfen, schienen sich zu verflechten und zu bewegen, als würden sie irgendwie in die Mitte des Platzes fließen. Der ganze Schmutz, die trockenen Blätter, die weggeworfenen Zigarettenstummel und Bonbonpapierchen hoben sich in die Luft, wirbelten umher und schlossen sich den Schatten an. Es fühlte sich an, als würde ein riesiger Klumpen von irgendetwas aus der Luft gesaugt, und der Schmutz legte sich wieder, die Schatten kehrten dorthin zurück, wo sie hingehörten. Und in der Mitte des Platzes stand nun – ein Ding. Carol wünschte sich, sie hätte der Mythologie mehr Aufmerksamkeit geschenkt, denn dann wüsste sie, wie man es nennen musste. Sie tippte „humanoid Stierkopf Axt“ in die Suchleiste ein, während sie die kaputte Tüte noch immer im Arm hielt. Minotaurus, sagte das Internet.

„Das klingt nicht besonders gut“, dachte Carol, als der Minotaurus auch schon anfing, seine Axt zu schwingen, die zu summen begann. Er schlug mit der Klinge auf den Boden, und die Erde spaltete sich in einem langen Riss, der auf den Bürgermeister zulief und ihn verschlang.

„Eure Stadt gehört jetzt mir. Beugt euch meinem Willen, und ihr werdet leben.“ Die Stimme des Minotaurus war rau und grollend. Und offenbar überzeugend, denn die verbliebenen Menschen senkten ihre Köpfe und knieten nieder. Oder vielleicht war es das Summen, das immer noch von der Axt ausging – wer weiß?

Carol tippte „Wie tötet man einen Minotaurus?“ ein. Zu den Ergebnissen gehörten damit zusammenhängende Fragen wie „Welches Level muss ich haben, um den Minotaurus zu besiegen?“ und „Sind Minotauren böse?“ Carol war das egal, aber sie tippte auf „Was ist die Schwäche des Minotaurus?“ – Hungrig, wütend, langsam. Nun, langsam sah er nicht aus, aber wütend auf jeden Fall. Doch das war kaum hilfreich.

Als könne er Carols Interesse spüren, drehte er ruckartig den Kopf und fixierte sie mit seinem Blick.

„Was hoffst du zu erreichen, Sterbliche? Der Auserwählte, der mich besiegen soll, ist gerade erst geboren worden und muss bis zu seinem zwölften Geburtstag warten, bevor er mich bezwingen kann. Bis dahin werde ich längst verschwunden sein, gesättigt von den Reichtümern dieser Welt und bereit, die nächste einzunehmen.“

Carol schnaubte. Sie hatte zu Hause einen zwölfjährigen Jungen, und alles, was der besiegte, waren Vernunft und Logik. Wenn das Wohl dieser Welt in den Händen seinesgleichen läge, wären sie dem Untergang geweiht.

„Findest du dein Schicksal amüsant, Sterbliche?“, fragte der Minotaurus und klang dabei noch wütender als zuvor. Die Leute begannen zu murmeln. „Verärgert ihn nicht, meine Dame“, hörte sie, und „es sind ja nur zwölf Jahre“ sowie ein halb scherzhaftes „kann doch nicht schlimmer sein als der letzte, oder?“

Ein letzter Blick auf den Bildschirm offenbarte eine Nachricht von ihrem Mann, der sagte, sie solle auch Bier mitbringen, und ob sie sich bitte ein bisschen beeilen könne? Da riss ihr die Geduld. Carol hatte es satt, zu zählen und tief durchzuatmen. Sie hatte es satt, zu lächeln und zu nicken. Sie hatte es satt, angeschrien, ausgenutzt und bestohlen zu werden, zum Schweigen gebracht und geschubst zu werden. Vorsichtig schob sie ihr Handy zurück in die Tasche ihrer Jeans in Größe 46 und ging langsam auf den Minotaurus zu, wobei sie ihr bestes „Mama-Gesicht“ aufsetzte. Vielleicht trug sie einen Badeanzug unter ihren Sachen, weil niemand die Wäsche gemacht hatte. Aber sie hatte nicht vor, darauf zu warten, dass irgendein Kind in die Pubertät kam. Nicht, wenn sie schon jetzt auf etwas einschlagen konnte.

Sie griff nach dem Erstbesten aus der Tüte und warf es auf den Minotaurus. Der Apfel verfehlte sein Ziel. Der nächste traf die Brust. Der Minotaurus hob die Axt und kam auf sie zu. Ein Päckchen mit Eisstielen traf eines der Hörner. Das war die Bastelaufgabe ihres Jüngsten. Die Tatsache, dass sie morgen fällig war, hatte dem Wurf zusätzliche Kraft verliehen. Eine Dose Erbsen traf das Knie, und dann war er zu nah, um noch etwas zu werfen.

Carol wühlte blind in der Tüte herum, ohne den Blick von der Bestie abzuwenden. Sie lächelte, als ihre Hand das einzige umfasste, das sie für sich selbst gekauft hatte. Sie hatte es für zu teuer gehalten, fast schon für eine Spielerei, aber sie hatte sich genau dieses eine Mal etwas gönnen wollen. Sie kicherte, als ihr klar wurde, dass Putzzeug heutzutage als Belohnung galt, während sie die Tüte fallen ließ und die Teleskopstange für ihren Staubwischer wie ein Lichtschwert aus Carbonfaser mit einer Handbewegung herausschnellen ließ.

Durch ihren Selbstverteidigungskurs brauchte Carol nicht mehr als die eine Sekunde, in der der Minotaurus überrascht zögerte. Sie holte aus. Kräftig. Zuerst auf die Hand, die die Axt hielt. Die Waffe fiel aus den tauben Fingern. Dann auf die Rückseite eines Knies, sodass es nachgab. Da sie nicht wusste, ob der Stierkopf besseren Schutz bot als ein menschlicher Schädel, schwang sie den Stiel dann nach oben und traf den sehr menschlichen Unterleib.

Der Minotaurus starrte sie voller Schmerz und Verwirrung an.

„Aber du bist nicht der Auserwählte! Du kannst mir nichts anhaben!“, sagte er. Carol lachte auf. „Du hast mir nicht vorzuschreiben, wer ich bin oder was ich tun oder nicht tun kann.“ Sie machte sich bereit für einen weiteren Hieb, als zuerst Steine, dann Kartoffeln und andere Gegenstände auf den Rücken des Minotaurus prallten. Von allen Seiten schlossen sich die Leute an – aus sicherer Entfernung. Einer half sogar dem erschütterten Bürgermeister aus der Schlucht.

„Früher hat das besser geklappt“, murmelte der Minotaurus, noch während er verschwand, entschlossen, sich eine leichtere Beute zu suchen.

„Ich hole noch Bier, bin bald zu Hause“, schrieb Carol per SMS. Außerdem würde sie noch mehr Äpfel brauchen.

© Daniela Schmidt
Nach oben scrollen